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29
Dezember
Aufruf an Werbetreibende

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Eigentlich sollte dieser Artikel „Warum Du Deine VW-Aktien lieber verkaufen solltest“ heißen, doch jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich ihn nennen soll. Das war nämlich so: Neulich saß ich am Stachus in München und habe auf die S-Bahn gewartet. Auf der gegenüberliegenden Bahnsteigseite befinden sich große beleuchtete Kästen, in denen im Wechsel drei verschiedene Plakate gezeigt werden. Gerade war wieder irgendein Detail in der VW-Diesel-Affäre bekannt geworden, und so fand ich die Anzeige für den VW-T-Roc ziemlich geschmacklos. In der Süddeutschen hatte ich einen Kommentar gelesen – irgendetwas in Richtung: dass ausgerechnet das nächste dicke Auto nach einem ausgestorbenen Dinosaurier zu benennen als Reaktion auf den Skandal im eigenen Haus nichts von irgendeiner notwendigen Kurskorrektur erkennen lasse – und genau so empfand ich das auch. Neben dem VW-Plakat tauchte immer wieder Werbung für das weniger dicke BMW-Elektroauto auf, und das fand ich zeitgemäßer1. Darüber wollte ich etwas schreiben, und die erste Idee war der Titel mit dem Aktienverkauf.

Das Wochenende kam, und mein Vater (der die Süddeutsche Zeitung noch auf Papier liest), erzählte mir von einer BMW-Anzeige, die er als ziemlich unpassend empfand. Für ein BMW-Auto wurde in Übergröße (Extra-Einlage im doppelten Zeitungsformat) mit den Worten "Gebaut, um den Atem zu rauben" geworben. Aus zwei verschiedenen Gründen erscheint mir die Anzeige als geschmacklos. Da wäre (1) die Diesel-Debatte, von der BMW zwar nicht direkt betroffen ist, die aber uns als Gesellschaft und damit auch alle Autobauer etwas angeht. Es ist ein gesellschaftlich wichtiges Ziel, insbesondere in den Städten die Luft sauber zu halten. Sollte einem (egal welchem) Autobauer dieses Ziel etwas bedeuten (und er so seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen wollen), erscheinen atemraubende Wortspiele in Bezug auf zu große Autos entweder gedankenlos oder zynisch2 – beide Möglichkeiten lassen die Werbeverantwortlichen bei BMW in keinem guten Licht erscheinen. Zum anderen (2) ist da die Größe der Anzeige, und die Kosten, die dieses Format mutmaßlich verursacht haben muss. Der Philosoph Lambert Wiesing erklärt Luxus als etwas, das einen unnötigen Aufwand verursacht, über den bloßen Zweck hinaus3. Das ist an sich noch nichts Schlechtes; immerhin fällt ein großer Teil dessen, was wir ästhetisch wahrnehmen in diese Kategorie. Der menschliche Makel tritt dann hervor, wenn nicht mehr das luxuriöse Objekt selbst im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern eine von dessen Besitz erhoffte Sekundärfolge: die Aufmerksamkeit und der Neid der anderen. In diesem Fall ließe sich (ebenfalls mit Lambert Wiesing) von "Protz" sprechen. Dass derart pompös gestaltete Werbeanzeigen darauf abzielen, Aufmerksamkeit hervorzurufen, davon würde ich ausgehen. Dass diese Aufmerksamkeit dann auch dem Auto zu Teil wird, wenn es erst einmal irgendwann herumfährt, ist das Ziel von Werbung (so werden Marken aufgebaut). Auf diese Weise wird es für Menschen, die sich das Auto "nur" als Luxusobjekt kaufen möchten, ziemlich schwierig, den Vorwurf des Protzens zu entkräften. Wieder lässt das die BMW-Abteilung nicht besonders klug aussehen: entweder gedankenlos, oder zynisch… Davon abgesehen erscheint es bei Autos, die ja abseits von Luxus oder Protz tatsächlich einen Zweck erfüllen sollen (Strecken von A nach B zurückzulegen), weder rational noch zeitgemäß, den Aufwand zu übertreiben, wenn dies dazu führt, den Verbrauch von Ressourcen (beim Bau wie beim Betrieb des Autos) zu erhöhen.

Übrigens ließ sich die nächste VW-Anzeige, die ich im Stachus-Untergeschoß sah, tatsächlich als Reaktion auf die Diesel-Debatten werten – wenn auch nicht als Hoffnung weckende. Auf dem letzten VW-Plakat war ein glänzender Golf zu sehen, der gerade noch von Hand nachpoliert wird – Werbung dafür, die Autos von mobilen Servicemitarbeitern saubermachen zu lassen. Psychologisch geschulte Betrachter erkennen in einer solchen Anzeige den Versuch, durch den Frame "sauberes Auto" zugleich die Firma von moralischer Schuld reinzuwaschen. Dazu gibt es eine interessante (und erheiternde) Studie, die einen Zusammenhang herstellt zwischen Erinnerungen an moralische Verfehlungen und dem Bedürfnis, sich die Hände zu waschen. Diesen Zusammenhang nannten Chen-Bo Zhong und Katie Liljenquist den Macbeth-Effekt. Die Probanden, die sich die Hände gewaschen hatten, nachdem sie sich an eigene moralische Verfehlungen erinnert hatten, zeigten weniger oft altruistisches Verhalten als solche, die sich nicht die Hände gewaschen hatten4. Dies im Hinterkopf würde ich die Anzeige ohne zu zögern als Versuch werten, die öffentliche Meinung im vermeintlichen Firmeninteresse zu manipulieren – immerhin wird ja ein "sauberes" Auto gezeigt. Doch um es ganz klar zu sagen: ein Auto, das nur von außen sauber ist, ist sicher nicht die geeignete Antwort auf den Dieselskandal. Wenn Autobauer vielleicht ungern an neue Mobilitätskonzepte denken, die mit weniger Energie und Ressourcen auskommen, so stünde es ihnen doch gut zu Gesicht, wenigstens Autos zu bauen, die weniger Treibstoffe verbrauchen, das scheint hier nicht der Fall zu sein.

Hier nun mein Aufruf an die Werbeverantwortlichen: Falls es nicht gelingen sollte, subtile Antiterror-Anschläge5 (wie die hier besprochene BMW-Anzeige vielleicht einer war) zu verüben, dann fragen sie doch beim nächsten Mal ihre Auftraggeber nach einer Unternehmensstrategie, die Ihren Enkelkindern nicht den Atem raubt. Seien Sie mutig! Auch ich wäre zutiefst dankbar.

Hinweis: Dieser Artikel wurde ursprünglich am 19. November 2018 auf jzqk.tumblr.com veröffentlicht. Wegen Zweifeln, ob der jzqk-Blog thematisch bei tumblr gut aufgehoben ist, erfolgte hier die Wiederveröffentlichung. Schicken Sie doch den Link weiter, wenn Sie jemanden kennen, den das Thema interessieren könnte. Danke!


  1. Zeitgemäßer in der Ausrichtung – obwohl nicht unproblematisch: zur Hypothek von Elektroautos fand ich nach oberflächlicher Recherche diesen Artikel in der taz: http://www.taz.de/!5418741/ ; nicht berücksichtigt sind noch Probleme der Rohstoffe, die für die Herstellung von Akkus benötigt werden. Elektroautos sind also nicht sauber, höchstens weniger schmutzig als herkömmliche Antriebe.

  2. Für die dritte Möglichkeit: Bitte weiterlesen!

  3. Gehört in der WDR5-Sendung "Das philosophische Radio" vom 30.9.2016 mit dem Titel "Reine Verschwendung? – Luxus".

  4. Vgl. Zhong, Chen-Bo, Liljenquist, Katie, Washing Away Your Sins: Threatened Morality and Physical Cleansing., Science, vol. 313, no. 5792, 2006, pp. 1451–1452. JSTOR, JSTOR, online unter www.jstor.org/stable/3847034.

  5. Die dritte Möglichkeit! Vgl. die Känguru-Bücher von Marc-Uwe Kling; nur für die, die die Bücher nicht kennen: Marc-Uwe Kling hat das asoziale Netzwerk erfunden (in einer asozialen Gesellschaft muss das wahrhaft soziale asozial genannt werden), deren Mitglieder – wo immer sie wirken – Sand ins Getriebe des die Grenzen des Aushaltbaren überschreitenden Kapitalismus streuen.


 
 
28
Dezember
Vorschlag zu einer Rekonstruktion des bayerischen Musikunterrichts als "nichtwissenschaftlich" aus phänomenologischer Sicht

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Ich arbeite an einem bayerischen Gymnasium. Ich arbeite dort als Musiklehrer und als Ethiklehrer. Wenn ich eine Musikstunde halte, verdiene ich weniger Geld, als wenn ich eine Ethikstunde halte. Ethikstunden werden besser bezahlt als Musikstunden.

Wie kommt das? Der Stundenlohn von Lehrer_innen lässt sich nur schwer beziffern. Das liegt in Teilen daran, dass die Kenngröße, die die Arbeitszeit von Lehrer_innen misst, nicht die Arbeitszeit ist, sondern die so genannte „Unterrichtspflichtzeit“, kurz „UPZ“. Neben dieser verpflichtenden Zeit erledigen Lehrer_innen alles das, was zu einem ordentlichen Unterricht (und zu ihrer Lehrerinnen- oder Lehrerrolle in der Schule) dazu gehört unter eigener Verantwortung und somit quasi unter dem Radar irgendeiner Zeitaufsicht. Dazu gehören die Korrekturen, zuvor das Erstellen dieser „Leistungsnachweise“ genannten Tests, für viele (die meisten!) die Vorbereitung des Unterrichts (von dieser Zeit verbringen einige Kolleginnen und Kollegen ein nicht unbeträchtlichen Teil der Zeit am oder in der Warteschlange zum Kopierer), das Führen verschiedener Listen (Noten, Absenzen, usw.), die Pausenaufsicht, die Lehrerkonferenzen, die Absprachen untereinander (oft zwischen Tür-und-Angel-Gespräche), die Gespräche mit Schüler_innen oder deren Eltern, und so weiter und so fort. Weil dieser Teil der Arbeit (und damit der Arbeitszeit) nicht unbeträchtlich ist, erstaunt die Zahl, die mit der UPZ verbunden ist, viele Außenstehende. Für Lehrer_innen, die in Vollzeit arbeiten beträgt die UPZ 23 (Dreiviertel-)Stunden in der Woche. Für drei Fächer gibt es Ausnahmen, nämlich für Sport, Kunst und Musik, diese Fächer werden "nicht-wissenschaftlich" genannt", alle anderen "wissenschaftlich". Lehrer_innen, die nicht-wissenschaftliche Fächer unterrichten, unterrichten 27 Stunden in der Woche. (Lehrer_innen wie ich, die eine Mischung aus wissenschaftlichem und nichtwissenschaftlichem Unterricht geben sind irgendwo dazwischen.)

Das erscheint ungerecht, doch die Benennung impliziert schon den Grund für dieses merkwürdige Verhältnis. Wer wissenschaftlich arbeitet, benötigt mehr Zeit, und wer unwissenschaftlich arbeitet, weniger Zeit für die Unterrichtsvor- und Nachbereitung.

Nun hat es mit dem wissenschaftlichen Standpunkt ja eine besondere Bewandtnis. Wissenschaftler_innen streben gesichertes Wissen an, und um Wissen zu sichern haben sich einige Standards herausgebildet. Einer dieser Standards ist Objektivität. Auf den ersten Blick erscheint es menschlich unmöglich, objektiv zu sein – jeder von uns hat ja stets seine oder ihre subjektive Sichtweise; einfach weil wir Subjekte sind, die irgendwo in der Welt verortet sind und von diesem Ort aus in die Welt blicken. Objektivität würde in diesem Bild die "Perspektive von nirgendwo" bedeuten. Trotzdem funktioniert diese gedankliche Konstruktion als Zielrichtung für viele Fachrichtungen (und damit Schulfächer) gut, sie führt zu nachvollziehbaren und reproduzierbaren Ergebnissen und Erkenntnissen.

Unter diesen Prämissen erscheint es fast logisch, Musikunterricht (und wahrscheinlich auch den Kunstunterricht) als nicht-wissenschaftliches Fach einzuordnen. So kann doch Musizieren, wie auch Komponieren oder die Wahrnehmung von Musik, immer nur engagiert1 sein, d.h. dem Gespielten oder Gehörten Sinn und Bedeutung verleihend. Selbst Ablehnung erfordert engagiertes Hören – bevor ich Musik schlaff und langweilig finde, muss ich sie erst einmal als schlaff und langweilig wahrnehmen. Der Standpunkt von Nirgendwo ergibt in Bezug auf Musik keinen Sinn, weil, egal wer Musik schreibt oder entwirft, der Hörer oder die Hörerin als Standpunkt bereits mitgedacht wird2. Auch wenn die Beschäftigung mit Musik von einer Perspektive des Nirgendwo denkbar ist ("Bestimme die Anzahl der Sechzehntelnoten in folgendem Notenbeispiel", "Bestimme den Ambitus der Gesangsstimme", usw.), so wird diese Art der Beschäftigung dem Phänomen Musik nicht gerecht.

Edmund Husserl spricht in seinen "Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie" von einer "Sinngebung"3, die sich schon mit der Beobachtung von Phänomenen einstellt – ich nehme Phänomene bereits in einem bestimmten Sinnzusammenhang und mit einer Art Richtung wahr. Genau dies ist auch der Fall, wenn ich Musik höre. Als einfaches Beispiel mag die Selbstbeobachtung dienen, die jeder von uns beim Hören eines langsam schlagenden Metronoms machen kann: Die einzelnen Schläge sind völlig gleich, und doch können wir aktiv darauf Einfluss nehmen, ob wir ein Zweier- oder ein Dreier-Metrum hören, und im Moment der Wahrnehmung eines solchen Metrums gewinnen einige Schläge ein Gewicht, einen Sinn4. Und genau so verhält es sich auch mit vielen (allen?) anderen musikalischen Phänomenen: welche Qualität hat eine Quarte im Vergleich zu einer Sekunde? Wieso höre ich, wenn eine Melodie mit einem Auftakt beginnt? Warum schließt der Grundton? Wie verhält sich ein Geräusch zu einem Ton? Antworten auf diese Fragen erhalte ich erst, wenn ich das Phänomen mit seinem Sinn wahrnehme, und genau dies lässt sich als Sinngebung in der Musik bezeichnen.

Wie verhält sich dies nun zur Wissenschaftlichkeit des Schulfachs Musik? Im Sinne eines Des-Engagement, eines „Blickwinkels von Nirgendwo“ muss die Beschäftigung mit dem Phänomen nicht-wissenschaftlich sein – anders würde eine solche Beschäftigung ihren Gegenstand verfehlen. Doch folgt man Husserl in seinem Versuch, die Phänomenologie als streng wissenschaftliche Methode zu etablieren, befindet man sich nicht in schlechter Gesellschaft; im Gegenteil, ist doch die Phänomenologie eine der einflussreichsten Denkrichtungen des 20. Jahrhunderts: nicht nur existentialistisches Philosophieren wäre undenkbar, auch interessante Erkenntnisse der empirischen Wissenschaften stützen sich auf phänomenologische Grundannahmen („Embodiment“5). So gesehen könnte ein phänomenologisch orientierter Musikunterricht, der die Hörerin und den Hörer ebenso wie die Musizierende und den Musizierenden mit ihrem oder seinem Sinn-Anliegen und Engagement ernst nimmt, durchaus „wissenschaftlich“ genannt werden.

Edmund Husserls „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“ erschienen 1913; Husserl lehrte in Freiburg. Eigentlich genug Zeit für eine Idee, um den Weg nach München zu finden...

Hinweis: Dieser Artikel wurde ursprünglich am 5. November 2018 auf jzqk.tumblr.com veröffentlicht. Wegen Zweifeln, ob der jzqk-Blog thematisch bei tumblr gut aufgehoben ist, erfolgte hier die Wiederveröffentlichung. Schicken Sie doch den Link weiter, wenn Sie jemanden kennen, den das Thema interessieren könnte. Danke!


  1. zur Terminologie vergleiche Dreyfus, Hubert, Taylor, Charles, Schulte, Joachim (Übersetzung), Die Wiedergewinnung des Realismus, Berlin, 2016, z.B. S. 133 f. Diese Einordnung ist nicht zu verwechseln mit dem "interesselosen Wohlgefallen", das Kant für die Wahrnehmung des Schönen beschreibt. Die Wahrnehmung von Sinn in den Tönen (engagiertes Hören) scheint ja gerade Voraussetzung dafür zu sein, Musik als autonomes Kunstwerk (keinen subjektiven Interessen unterworfen) wahrzunehmen; engagiertes Hören geht somit dem interesselosen Wohlgefallen voraus und ist somit davon verschieden.

  2. Wirklich? Diese Frage verdient eigene Beschäftigung.

  3. Husserl, Edmund, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie, Tübingen, 1993(5), S. 106 f.

  4. Danke an Harald Rüschenbaum, der das Wort "Sinngebung" für diese Art von Phänomenen (und noch komplexere) verwendet.

  5. Vgl. Bakewell, Sarah, Seuß, Rita (Übersetzung), Das Café der Existentialisten, München, 2016, S. 367.


 
 
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