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28
Dezember
Vorschlag zu einer Rekonstruktion des bayerischen Musikunterrichts als "nichtwissenschaftlich" aus phänomenologischer Sicht
Hier geht es zur Hörversion dieses Artikels. Ich arbeite an einem bayerischen Gymnasium. Ich arbeite dort als Musiklehrer und als Ethiklehrer. Wenn ich eine Musikstunde halte, verdiene ich weniger Geld, als wenn ich eine Ethikstunde halte. Ethikstunden werden besser bezahlt als Musikstunden. Wie kommt das? Der Stundenlohn von Lehrer_innen lässt sich nur schwer beziffern. Das liegt in Teilen daran, dass die Kenngröße, die die Arbeitszeit von Lehrer_innen misst, nicht die Arbeitszeit ist, sondern die so genannte „Unterrichtspflichtzeit“, kurz „UPZ“. Neben dieser verpflichtenden Zeit erledigen Lehrer_innen alles das, was zu einem ordentlichen Unterricht (und zu ihrer Lehrerinnen- oder Lehrerrolle in der Schule) dazu gehört unter eigener Verantwortung und somit quasi unter dem Radar irgendeiner Zeitaufsicht. Dazu gehören die Korrekturen, zuvor das Erstellen dieser „Leistungsnachweise“ genannten Tests, für viele (die meisten!) die Vorbereitung des Unterrichts (von dieser Zeit verbringen einige Kolleginnen und Kollegen ein nicht unbeträchtlichen Teil der Zeit am oder in der Warteschlange zum Kopierer), das Führen verschiedener Listen (Noten, Absenzen, usw.), die Pausenaufsicht, die Lehrerkonferenzen, die Absprachen untereinander (oft zwischen Tür-und-Angel-Gespräche), die Gespräche mit Schüler_innen oder deren Eltern, und so weiter und so fort. Weil dieser Teil der Arbeit (und damit der Arbeitszeit) nicht unbeträchtlich ist, erstaunt die Zahl, die mit der UPZ verbunden ist, viele Außenstehende. Für Lehrer_innen, die in Vollzeit arbeiten beträgt die UPZ 23 (Dreiviertel-)Stunden in der Woche. Für drei Fächer gibt es Ausnahmen, nämlich für Sport, Kunst und Musik, diese Fächer werden "nicht-wissenschaftlich" genannt", alle anderen "wissenschaftlich". Lehrer_innen, die nicht-wissenschaftliche Fächer unterrichten, unterrichten 27 Stunden in der Woche. (Lehrer_innen wie ich, die eine Mischung aus wissenschaftlichem und nichtwissenschaftlichem Unterricht geben sind irgendwo dazwischen.) Das erscheint ungerecht, doch die Benennung impliziert schon den Grund für dieses merkwürdige Verhältnis. Wer wissenschaftlich arbeitet, benötigt mehr Zeit, und wer unwissenschaftlich arbeitet, weniger Zeit für die Unterrichtsvor- und Nachbereitung. Nun hat es mit dem wissenschaftlichen Standpunkt ja eine besondere Bewandtnis. Wissenschaftler_innen streben gesichertes Wissen an, und um Wissen zu sichern haben sich einige Standards herausgebildet. Einer dieser Standards ist Objektivität. Auf den ersten Blick erscheint es menschlich unmöglich, objektiv zu sein – jeder von uns hat ja stets seine oder ihre subjektive Sichtweise; einfach weil wir Subjekte sind, die irgendwo in der Welt verortet sind und von diesem Ort aus in die Welt blicken. Objektivität würde in diesem Bild die "Perspektive von nirgendwo" bedeuten. Trotzdem funktioniert diese gedankliche Konstruktion als Zielrichtung für viele Fachrichtungen (und damit Schulfächer) gut, sie führt zu nachvollziehbaren und reproduzierbaren Ergebnissen und Erkenntnissen. Unter diesen Prämissen erscheint es fast logisch, Musikunterricht (und wahrscheinlich auch den Kunstunterricht) als nicht-wissenschaftliches Fach einzuordnen. So kann doch Musizieren, wie auch Komponieren oder die Wahrnehmung von Musik, immer nur engagiert1 sein, d.h. dem Gespielten oder Gehörten Sinn und Bedeutung verleihend. Selbst Ablehnung erfordert engagiertes Hören – bevor ich Musik schlaff und langweilig finde, muss ich sie erst einmal als schlaff und langweilig wahrnehmen. Der Standpunkt von Nirgendwo ergibt in Bezug auf Musik keinen Sinn, weil, egal wer Musik schreibt oder entwirft, der Hörer oder die Hörerin als Standpunkt bereits mitgedacht wird2. Auch wenn die Beschäftigung mit Musik von einer Perspektive des Nirgendwo denkbar ist ("Bestimme die Anzahl der Sechzehntelnoten in folgendem Notenbeispiel", "Bestimme den Ambitus der Gesangsstimme", usw.), so wird diese Art der Beschäftigung dem Phänomen Musik nicht gerecht. Edmund Husserl spricht in seinen "Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie" von einer "Sinngebung"3, die sich schon mit der Beobachtung von Phänomenen einstellt – ich nehme Phänomene bereits in einem bestimmten Sinnzusammenhang und mit einer Art Richtung wahr. Genau dies ist auch der Fall, wenn ich Musik höre. Als einfaches Beispiel mag die Selbstbeobachtung dienen, die jeder von uns beim Hören eines langsam schlagenden Metronoms machen kann: Die einzelnen Schläge sind völlig gleich, und doch können wir aktiv darauf Einfluss nehmen, ob wir ein Zweier- oder ein Dreier-Metrum hören, und im Moment der Wahrnehmung eines solchen Metrums gewinnen einige Schläge ein Gewicht, einen Sinn4. Und genau so verhält es sich auch mit vielen (allen?) anderen musikalischen Phänomenen: welche Qualität hat eine Quarte im Vergleich zu einer Sekunde? Wieso höre ich, wenn eine Melodie mit einem Auftakt beginnt? Warum schließt der Grundton? Wie verhält sich ein Geräusch zu einem Ton? Antworten auf diese Fragen erhalte ich erst, wenn ich das Phänomen mit seinem Sinn wahrnehme, und genau dies lässt sich als Sinngebung in der Musik bezeichnen. Wie verhält sich dies nun zur Wissenschaftlichkeit des Schulfachs Musik? Im Sinne eines Des-Engagement, eines „Blickwinkels von Nirgendwo“ muss die Beschäftigung mit dem Phänomen nicht-wissenschaftlich sein – anders würde eine solche Beschäftigung ihren Gegenstand verfehlen. Doch folgt man Husserl in seinem Versuch, die Phänomenologie als streng wissenschaftliche Methode zu etablieren, befindet man sich nicht in schlechter Gesellschaft; im Gegenteil, ist doch die Phänomenologie eine der einflussreichsten Denkrichtungen des 20. Jahrhunderts: nicht nur existentialistisches Philosophieren wäre undenkbar, auch interessante Erkenntnisse der empirischen Wissenschaften stützen sich auf phänomenologische Grundannahmen („Embodiment“5). So gesehen könnte ein phänomenologisch orientierter Musikunterricht, der die Hörerin und den Hörer ebenso wie die Musizierende und den Musizierenden mit ihrem oder seinem Sinn-Anliegen und Engagement ernst nimmt, durchaus „wissenschaftlich“ genannt werden. Edmund Husserls „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie“ erschienen 1913; Husserl lehrte in Freiburg. Eigentlich genug Zeit für eine Idee, um den Weg nach München zu finden... Hinweis: Dieser Artikel wurde ursprünglich am 5. November 2018 auf jzqk.tumblr.com veröffentlicht. Wegen Zweifeln, ob der jzqk-Blog thematisch bei tumblr gut aufgehoben ist, erfolgte hier die Wiederveröffentlichung. Schicken Sie doch den Link weiter, wenn Sie jemanden kennen, den das Thema interessieren könnte. Danke!
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